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Grundlagen einer Schweißausrüstung
#1
Lightbulb 
Neben dem Thread mit der grundsätzlichen Auswahl des Schweißverfahrens hier noch ein separater mit ein paar grundlegenden Hinweisen zur Sicherheits- und Schutzausstattung. Auch hier wieder: Hab das nach "best effort" erstellt, mit Sicherheit lässt sich was ergänzen. Ich konzentriere mich hier vorrangig auf elektrische Schweißverfahren, da autogenes Schweißen sowieso einen Strauß an diversen anderen Sicherheitsvorkehrungen bedarf,

Kleidung
- grundsätzlich nichts mit synthetischen Fasern!
- dazu gehören auch Turnschuhe, Stretch-Jeans, Outdoor-Softshelljacken usw.
- geeignet sind Baumwollklamotten, möglichst dicht gewebte Stoffe
- nichts sollte offen sein, dass was reinfallen kann. Einfacher Versuch: Nehmt eine Handvoll Sägespäne und lasst sie ab Höhe der kommenden Schweißnaht an Euch herunterrieseln. Irgendwo reingefallen? Typische Stellen sind: Offene Taschen, umgeschlagene Hemds- oder Hosenärmel, sonstige „praktische“ Zusatztaschen an Arbeitshosen für den Zollstock usw. Sowas fehlt bei Schweißerhosen und Jacken komplett!
- alle Hautpartien müssen abgeschirmt sein, „no-go“ sind kurzärmelige Schweißer: Die auftretenden Infrarot- und UV-Strahlungen sind abartig intensiv im Verhältnis zur Hochsommersonne am Äquator
- dementsprechend auch im Sommer dick gewebte Kleidung tragen
- Schuhe: Optimal sind spezielle Schweißerschuhe, es gehen auch alte Lederhalbschuhe
- Hosenbeine sollten über die Schuheinlässe ragen, damit keine flüssigen Metallspritzer hineinfallen können. Ausnahme: Ihr habt die Kinder mit in Werkstatt, die freien sich über Veitstänze der Eltern!
- als Handschuhe empfehle ich gleich auf WIG-Handschuhe zu gehen, diese sind sehr fein und weich gearbeitet, kann man aber auch prima mit anderen Schweißverfahren verwenden und hat entsprechend viel Gefühl in den Fingern
 
Kopfschutz und Sichtschutz
- erste Aktion: Diese beiliegenden Schweißschutzschilde in die Tonne oder zumindest in die Schublade legen. Gut, wenn jemand mal dabei zusehen will (Kinder etc.), aber der Schweißer selbst sollte sich einen Automatikhelm gönnn:
- Automatikhelme gibt es ab rund 40 Euro, wichtig ist, dass diese einstellbar sind, je nach Stromstärke und Schweißverfahren braucht man unterschiedliche Helligkeitsstufen
- prima ist es, nach einem gebrauchten Schweißhelm von Optrel oder 3M zu schauen. Letztere kosten gebraucht zwischen 70 und 120 Euro, Zustand gut bis brauchbar. Ggf. muss man mal die Batterien austauschen und auch die Spritzschutzgläser. Im Hobbybereich hält beides aber Jahre.
- für den Schweißhelm sollte man, neben dem Schweißgerät, wirklich das vernünftigste Geld ausgeben. Kaum ein Schutz in der Werkstatt ist so essentiell wie dieser, denn verblitzte Augen sind der absolute Horror, bleibende Schäden an den Augen sowieso. Zukneifen beim Anpunkten geht gar nicht: Die langwellige Infrarotstrahlung dringt durch die Augenlider und verbrennt die Netzhaut, neben den anderen exponierten Hautstellen sowieso!
- wichtig ist dann noch der Kopfschutz aus einer Kappe (Schirm in Richtung Nacken ziehen) oder einem Kopftuch. Es gibt auch spezielle Schweißkappen für unter den Helm, muss man aber nicht haben. Sinn ist, Spritzer von den Haaren und dem Kopf abzuhalten.
- von unterhalb des Schweißschirms bis zur Kleidung muss der Hals bedeckt sein! Entweder ist der Schweißhelm hier behilflich, man hat ein dichtes Halstuch an, oder man hat einen hochschließenden Kragen an der Jacke

Praktisch kann man auch solche billigen Schweißerschürzen aus Rindsleder erwerben, die halten die gröbsten Spritzer ab und auch die Funken beim Flexen. Kostet alles nicht die Welt, aber inkl. Schweißhelm ist man für die PSA (persönliche Schutzausrüstung) auch schnell nochmal 100-200€ los. Aber es dient der Gesundheit, die sollte man beim Schweißen wirklich beachten! Hier zählt eben nicht der Spaltkeil oder die Abdeckung, sondern die PSA.

Umgebung
Wer wie ich eine kombinierte Werkstatt für Holz und Metall betreibt, hat stets ein höheres Risiko. Niemals unterschätzen, wie weit solche Schweißspritzer fliegen können und sich dann in einem Glutnest dann noch Stunden später die ganze Halle entzünden kann. Gegenüber der immer aufgekochten elektrostatischen Aufladung bei Absauganlagen ist dies das höchste Feuerrisiko in Hobbywerkstätten, neben einem geknüllten Öllappen.

Geeignet sind alte, schwere Zeltplanen von der BW, die haben meist auch Ösen, an denen man sie aufhängen kann. Nutzt sowas, ggf. vorher nochmal nass sprühen. Wenn Ihr mit mehreren Leuten in der Werkstatt arbeitet, ist das sowieso Pflicht, da auch auf Distanz Schweißstrahlung noch erheblich schädigend wirkt, auch wenn man nicht hinsieht. Ich habe mal einen längeren Schweißtag eingelegt und nebendran ein neues Ikearegal (Kiefernholz) stehen gehabt (ca. 3m). Am Ende des Tages sah das Regal aus, als wäre es schon Monate nachgedunkelt. Wahnsinn.

Belüftung
Beim Schweißen werden die Materialien weit über den Schmelzpunkt erhitzt, korrekt angewandte Schweißverfahren arbeiten berührungslos und auf eine gewisse Distanz (~10mm). Das gilt auch für E-Hand, viele legen den Stab drauf und braten durch, die Übung ist aber tatsächlich, nach dem Zünden den abschmelzenden Stab immer auf 5-10mm vom Schweißbad entfernt zu halten. Dabei überträgt sich quasi das Metall durch die Elektrodenbrücke.

Hierbei werden nun auch viele Verunreinigungen und Stoffe frei, die dann in der Luft herumwehen. Klar, dass man Chrom, Nickel, Cadmium u.v.m. nicht einatmen sollte.
Für alle Schweißverfahren gilt daher, dass man einen sehr guten Luftabzug braucht, vergleichbar mit Lackierarbeiten. Elektrodenschweißen verzeiht hier mehr Zugluft als WIG oder MIG/MAG. Man muss also die Balance finden zwischen guter Belüftung und Zugluft, ebenso wie beim Lackieren.

Elektroden und Fülldraht arbeiten zudem mit diesen Schweißzusätzen außen, die das Schutzgas ersetzen. Diese sind gesundheitlich sehr gefährlich, noch viel gefährlicher als Argon-Gasmischungen. Dennoch sollte man auch bei diesen gut Belüften, da u.a. auch bei Argon und CO2 Freisetzungen nach längeren Schweißaktionen der Sauerstoffanteil im Raum rapide abnimmt. Ich empfehle daher, gänzlich auf Fülldraht zu verzichten, auch wenn es zunächst eine günstige Verlockung ausmacht. Meine Schweißergebnisse waren mit Fülldraht auch nie so gut wie mit klassischem MIG/MAG.

Unterlagen
Als Unterlagen solltet Ihr immer eine feuerfeste Fläche wählen. Versteht sich von selbst, muss man aber dran denken. Ich hab letzten Sommer "eben mal schnell" was auf OSB Platten geheftet und prompt brannte die ganze Platte. Wurde schön warm, aber gesehen hab ich das erstmal nicht, weil ich den Schweißhelm anhatte. Der hellte zwar auf, aber die Flammen waren so kaum zu sehen. Ging gut aus, aber seitdem bin ich auch wieder vorsichtiger.

Gut geeignet sind OSB- oder MDF-Platten, die man mit einem Stahlblech überzieht. Dies ist kostengünstig und man erhält auch eine schön ebene Fläche, die als Ausgangspunkt für exakte Maße dienen kann.

Rund um den Schweißplatz sollte natürlich nichts entflammbares Material vorhanden sein. Auch das Schweißgerät sollte weit genug weg, geschützt unter dem Tisch oder sonstwo stehen, wo man es nicht vollspritzt. Auch wenn manche Schweißverfahren sehr "sauber" sind (WIG...), spritzt es immer mal, auch beim besten Schweißer.

Schweißarbeiten kann man auch auf Steinplatten durchführen, alte Küchenarbeitsplatten aus Stein oder Steingut, Zementpflasterplatten usw.

Stromweg beachten:
Wer auf einem Bauteil sitzt oder sich abstützt, riskiert u.U. sein Leben! Man sollte den Weg zwischen Masse (Zange) und Elektrode immer möglichst kurz halten, umso besser wird auch die Schweißnaht. Absolute Lebensgefahr besteht beispielsweise bei folgender Konstellation:

Man schweißt auf einem Stahlteil, hat links die Zange angeschlossen und rechts oder Mitte die Elektrode (Schweißbogen). Dazwischen stützt man sich dann mit seinen Unterarmen oder Ellenbogen ab. Dementsprechend hält man sich exakt im Stromweg auf, wenn es hier mal zu einem Kurzschluss bzw. einem plötzlichen Abriss des Lichtbogens kommt, kann der Strom für wenige Millisekunden auch direkt durch unseren Körper fließen! Schweißströme mit 200A und höher sind absolut tödlich bzw. bringen einem sehr, sehr schwere Verletzungen bei. Dies geschieht auch im Profibereich, als Sani hab ich zweimal solche Unfälle erlebt und wir waren froh, die Leute noch lebend in die Klinik bringen zu können. Für Berufsschweißer gibt es spezielle Ausrüstung hierfür, u.a. Isoliermatten zum Sitzen. Als Hobbyschweißer reicht es, die Stromwege möglichst kurz zu wählen und sich dann auch nciht darin aufzuhalten oder beim Arbeiten zu berühren.

Beleuchtung
Zum Schweißen braucht man gutes Licht! Trotz Automatikhelm ist der Wechsel zwischen hell/dunkel noch ein Vielfaches größer, bei einer schummerigen Beleuchtung in der Werkstatt brauchen die Augen immer einen Moment, sich anzupassen. Dabei passieren dann schnell Fehler oder Unachtsamkeiten. Klingt verrückt, aber ich schweiße am liebsten im Sommer draußen vor der Halle im Halbschatten, nötigenfalls auch in der prallen Sonne.

Das führt uns zum Trinken
Beim Schweißen ist der Körper stark beansprucht. Viel trinken hilft da und man dehydriert nicht. Geeignet ist klares Wasser oder isotonische Getränke, man schwitzt bei längeren Schweißarbeiten wie beim Sport. Dabei sollte kein offener Becher oder Flasche herumstehen, sondern ein Trinkgefäß, das man gut verschließen kann. Nach dem Schweißen hat man häufig so einen ganz feinen, dunklen und metallischen Staub in der Werkstatt, das sollte man nicht mittrinken, was bei offenen Flaschen oder Bechern der Fall wäre.


Alkohol
Naja, ich trinke auch gerne während der Arbeit mal ein Bierchen, ist doch Freizeit und nett. Manchmal, während größerer Projekte, wurde auch mal mehr draus und man steht am nächsten Tag mit Brummschädel vor seiner Arbeit "wer zum Teufel hat das denn alles geschafft?!" *grins*
Da meine Halle gut 20-30 Minuten von daheim weg liegt und ich dahin und zurück mit dem Auto fahre, hat sich das Bierchen zwischendurch sowieso erledigt. Meinem Bauch schadet es auch nicht...
Letztlich muss das jeder selbst entscheiden, wieviel und ob überhaupt, ich mag da keine Diskussion aufmachen wie bei Michael und seinen Handschuhen.
Aber einen Aspekt möchte ich dennoch erwähnen, weil er neben den anderen guten und schlechten Argumenten gerne übersehen wird:

WENN mal was passiert, Finger vs. Kreissäge, Stromschlag beim Schweißen, Handschuh an Bohrmaschine, Schweißrauchvergiftung - whatever... 
DANN ist Alkohol (und auch Aspirin) megaschlecht für Euch: Damit ist es hochheikel, Euch zur Behandlung eine Narkose und andere Medikamente zu geben. Ungünstigenfalls muss die OP verschoben werden, bis Eure Leber den Blutalkohol wieder abgebaut hat. Was das für einen wieder anzunähenden Finger oder eine zu richtende Hand (Handschuh + Tischbohrmaschine = großes Aua) bedeutet, muss ich hier jetzt nicht ausmalen. Häufig verzichtet man dann auf Wiederherstellung und näht den Stumpf zu....
Auch Herz-Kreislaufmedikamente sind unter Alkohol absolut lebensgefährlich, jeder Arzt wird nur die Grundversorgung machen, bis Ihr wieder nüchtern seid. Da kann es für ein geschädigtes Herz auch zu spät sein, aber das ist dann Euer Problem. Kein Arzt wird wegen Euch seine Approbation riskieren und eine Behandlung einleiten, solange Drogen oder Alkohol das Risiko erhöhen.

So, genug moralisiert. Sicherlich fehlt noch einiges an Dingen, Hinweise und Ergänzungen sind wie stets gerne willkommen!
Vorsicht ist keine Feigheit, und Leichtsinn kein Mut!

Ich hab auch schon Fehler gemacht. Das passiert jedem mal. Wichtig ist, dass man daraus lernt!
...und Zeugen beseitigt ...und umzieht!
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